1923 war in Westerheim Milch schneller zu Geld gemacht als das Geld wieder zu Papier wurde. Jeden Samstag hieß es: früh nach Memmingen, Verkaufsabschluss, dann weiter mit dem Erlös in Richtung München – und alle Bauern hofften, dass die Mark bis zum Abend nicht schon wieder beleidigt zusammenfiel. Clemens Schneider, der Käufer, hatte dafür eine Methode, die heut jede Bankfiliale in Schnappatmung versetzen würde: Auf dem Rückweg ließ er an einer vorher vereinbarten Stelle am Bahndamm ein Paket Banknoten abwerfen. Kein Schatzräuber, kein Wilder Westen – nur Milchgeld-Logistik im Unterallgäu. Da lag also am Gleis, was morgens noch Lohn war und abends vielleicht schon Tapete. In Westerheim wurde dann gerechnet, gezählt und ausgezahlt, vermutlich mit dem Tempo eines Feuerwehrkommandos: schnell, bevor aus dem Kuhgeld Kuhkonfetti wurde. Die Bauern bekamen ihren Anteil noch am selben Abend. Und man kann sich gut vorstellen, wie daheim jemand sagte: „Leg’s nicht zu ordentlich hin – morgen ist es vielleicht nur noch Untersetzer.“ Die Geschichte zeigt wie praktisch und findig ein Dorf sein konnte, wenn die große Weltpolitik das Geld verrückt machte: Die Kühe gaben Milch, Memmingen gab den Markt, die Bahn brachte Bewegung – und Westerheim bekam eine Inflationserzählung, die klingt wie erfunden, aber belegt ist.
Quellen:
Arbeitskreis Geschichte der Gemeinde Westerheim: Dorfgeschichte – Molkereien in Westerheim, nach Tagebuch Josef Eberhard, besonders zur Auszahlung des Milchgeldes 1923 und zum Banknotenpaket am Bahndamm.
Zur historischen Einordnung der Hyperinflation 1923: Deutsche Bundesbank und Deutsches Historisches Museum.


