Als der Herbst über Wangen kam, roch die Stadt nicht mehr nach Rauch aus den Küchen, sondern nach Angst. Die Tore blieben schwer geschlossen, doch der Tod fand jedes Gässchen. Man sagte, die Seuche sei mit den durchziehenden Soldaten gekommen; erst leise, dann wie ein schwarzer Wind. 1628 waren es noch etwa dreißig Menschen. Im Jahr darauf aber füllte sich das Totenbuch mit Namen, bis die Hand müde wurde: 649 Sterbefälle.
Nachts hörte man Wagenräder über das Pflaster knarren. Keine Händler, keine Heimkehrer, nur die, die man fortbrachte. Hinter Fenstern flackerten Kerzen, und wer noch betete, tat es ohne Stimme. Pfarrer Jakob Stehele schrieb verzweifelt, die leidige Pestis fange wieder an. „Gott geb Gnadt!“ Mehr blieb kaum zu sagen.
Am Morgen lag Nebel über den Dächern. Eine Mutter öffnete die Tür nur einen Spalt, als draußen jemand klopfte. Niemand stand dort. Nur die Luft war kalt, als hätte sie eben noch geatmet. Auf dem Markt antwortete kein Schritt, in den Häusern kein Kind. Selbst die Glocken klangen, als kämen sie aus einem anderen, verlassenen Ort. In Wangen sprach man später von Sterbensläufen, von Zeiten, in denen große Teile der Bevölkerung über Nacht dahingerafft wurden. Doch die schaurigste Wahrheit brauchte keine Sage: Sie stand Zeile für Zeile im Totenbuch, 649 Mal, und jeder Eintrag war ein Mensch — kein Spuk.
Quellen:
Die Angaben zu den Pestjahren 1628/29, der möglichen Einschleppung durch Soldaten, den etwa 30 Opfern 1628, den 649 Sterbefällen 1629 laut Totenbuch und dem Zitat von Pfarrer Jakob Stehele stammen aus der Darstellung zum Dreißigjährigen Krieg in Wangen. ? Die Formulierung „Sterbensläufe“ und der Hinweis, dass Pestwellen große Bevölkerungsteile dahinrafften, stehen in der offiziellen Chronik der Stadt Wangen.


