Die letzte Hexe von Kempten

Wer heute durch Kempten geht, sieht barocke Fassaden, helle Plätze und die Residenz der einstigen Fürstäbte. Doch hinter dieser Ordnung liegt ein dunkles Kapitel des Allgäus. Am 11. April 1775 wurde Anna Maria Schwegelin, geboren 1729 in Lachen bei Grönenbach, in Kempten als „Hexe“ zum Tod verurteilt. Sie war keine Gestalt aus einer Sage, sondern eine arme Dienstmagd, krank, abhängig und ausgeliefert. Nach Stationen als Magd kam sie in das Leprosenhaus Obergünzburg und später in das Armenhaus Langenegg. Dort wurde sie von einer Mitinsassin angezeigt.
Das Unheimliche an dieser Geschichte ist nicht ein Spuk, sondern die Nüchternheit der Akten: Verhöre, Geständnisdeutungen, Richter, Urteil. In einer Zeit, in der die Aufklärung längst gegen Aberglauben stritt, hielt das Fürststift Kempten noch einmal an der Vorstellung eines Teufelsbundes fest. Der Scharfrichter sollte sie mit dem Schwert töten, der Körper verbrannt werden. Vollstreckt wurde das Urteil nicht. Der Historiker Wolfgang Petz fand später den Hinweis, dass Schwegelin 1781 im Kemptener Stockhaus starb.
So bleibt Kempten einer der schaurigsten historischen Orte des Allgäus: kein Märchen aus Nebel und Moor, sondern die Erinnerung daran, wie Angst, Armut und Obrigkeit einen Menschen vernichten konnten – bis heute…

Quellen:
Die biografischen Daten, Orte und Prozessangaben zu Anna Maria Schwegelin/Schwägelin stützen sich auf FemBio, darunter Geburt am 23. Januar 1729, Tod am 7. Februar 1781, Urteil 1775, Stationen Obergünzburg/Langenegg und der Hinweis auf Wolfgang Petz‘ Fund im Kirchenbuch.
Der wissenschaftliche Hintergrund stammt aus Wolfgang Petz‘ Aufsatz „Der letzte Hexenprozess im Reich: Der Fall der Anna Maria Schwägelin 1775 in der Fürstabtei Kempten“, gelistet beim Publikationsserver der Universität Augsburg.
Die Deutsche Digitale Bibliothek führt denselben Aufsatz mit den Schlagworten Schwegelin, Hochstift Kempten, Allgäu, Hexenprozess, Geschichte.