Das Knochengrab von Ottobeuren

Wer von Memmingen nach Ottobeuren kam, sah einst schon vor dem Ort den Galgenberg: ein stummes Zeichen, dass der Abt hier nicht nur beten ließ, sondern auch richten konnte. Doch das unheimlichste Zeugnis liegt nicht draußen im Wind, sondern in der Basilika. In der St.-Martins-Kapelle ruht ein Sammelgrab, und seine Geschichte beginnt im Bauernkrieg von 1525. Damals gehörte die Abtei zu den Klöstern, die von aufständischen Bauern geplündert wurden. In der alten Kirche lagen die Gräber der Äbte im Boden; Reliquienschreine bargen, was kostbar war. Auf der Suche nach Gold und Silber wurden Gräber und Schreine aufgebrochen. Knochen und Schädel flogen durcheinander. Als der Lärm verklungen war, ließ sich nicht mehr sagen, welcher Schädel zu welchem Abt, welcher Knochen zu welchem Heiligen gehörte. Aus ehrwürdigen Namen war ein namenloses Durcheinander geworden. Erst 1772 fanden die verstreuten Gebeine in der barocken Basilika ihren Platz: zusammengelegt, geweiht, eingeschlossen. Die Inschrift erinnert an die Entweihung und nennt 247 rebellierende Untertanen. Wer heute in der Kapelle steht, sieht keinen Schauplatz der Folter, sondern etwas Kälteres: Ordnung nach der Verwüstung. Der Marmor schweigt noch in der Nacht. Doch unter ihm liegt die Spur eines Tages, an dem selbst die Toten von Ottobeuren keine Ruhe mehr hatten.

Quellen:
Die Fakten zum Sammelgrab, zur Plünderung 1525, zu den aufgebrochenen Gräbern und Reliquienschreinen, zur Vermischung der Gebeine, zur St.-Martins-Kapelle und zur Inschrift mit den 247 Untertanen stammen aus dem virtuellen Museum „Ottobeuren macht Geschichte“. ?
Die Angabe zum Galgenberg als Warnzeichen für Besucher aus Richtung Memmingen stammt ebenfalls aus „Ottobeuren macht Geschichte“, mit Quelle Klosterarchiv/Pater Rupert Prusinovsky.