Im Allgäu wartet man nicht auf den Herbst – man wartet auf den großen Auftritt der Kühe. Wenn die Viehscheid beginnt, wird aus einem Dorf plötzlich ein Volksfest mit Glocken, Kränzen und sehr viel Stolz. Sepp steht am Straßenrand und nickt ehrfürchtig, als die erste Kuh vorbeiläuft. „Schau sie dir an“, sagt er, „die hat mehr Schmuck als meine Frau am Hochzeitstag.“ Die Kühe marschieren geschniegelt von der Alm ins Tal, geschniegelt, geschniegelt – na gut, zumindest geschmückt. Jede trägt eine große Glocke, die klingt, als würde sie persönlich den Herbst einläuten. „Das ist Kultur“, erklärt Sepp ernst. Sein Freund Toni beißt in ein Stück Allgäuer Bergkäse und murmelt: „Und das ist der Grund dafür.“
Denn im Allgäu weiß jeder: Ohne Kühe kein Käse, ohne Käse kein Glück – und ohne Glück kein ordentliches Dorffest. Im Hintergrund stehen die Bauern, die den ganzen Sommer oben auf der Alm geschuftet haben. Regen, Sonne, steile Hänge – alles egal. Hauptsache, die Kühe kommen gesund zurück. Eine besonders stolze Kuh bleibt plötzlich stehen. Sepp flüstert: „Die weiß genau, dass sie der Star ist.“ Toni nickt: „Die hat mehr Selbstbewusstsein als wir beide zusammen.“ Am Ende des Tages sind alle zufrieden: die Kühe, die Bauern und die Zuschauer mit vollen Bäuchen. Und so versteht man im Allgäu schnell: Kultur steht hier nicht im Museum.
Sie kommt jedes Jahr den Berg runter – auf vier Beinen, mit Glocke und sehr viel Charakter.


